Feeds:
Artikel
Kommentare

umgezogen.

Hier geht’s weiter: http://dezemberhimmel.wordpress.com/

adjø, november.

lassitudo.

Manchmal, besonders an ruhigen Tagen und in stillen Nächten, lausche ich in mich hinein und versuche es zu finden, das kleine Meedchen. Ich warte darauf, daß sie wild zu zappeln beginnt und darauf, daß sie schreit, all ihre Wut hinaus, in dieses Zimmer, das dann bis unter die Decke gefüllt wäre, mit Zorn, der in die kleinste Ritze kriecht und sich von innen gegen die Fenster drückt. Möglicherweise würde sie auch weinen, vielleicht still, vielleicht herzzerreißend laut, um darauf mit zerzaustem Haar loszulaufen, ohne Ziel, einfach nur klein sein. Aber ich finde sie nicht. Manchmal, besonders an ruhigen Tagen und in stillen Nächten, da kann ich sie erahnen, in den dunkelsten Ecken, aber sie ist bleiern müde. Und alt.

damals im hier.

“An wie viel Du Dich erinnern kannst…” sagt sie staunend. Ich lächle und wünsche mir, den Großteil meiner Erinnerungen vergessen zu können, sobald ich mich ein einziges Mal daran erinnert habe. Völlig ausreichend wäre das, und es würde so vieles einfacher machen.

goldmund.

Ich befürchtete, nach langer Zeit und großer Entfernung gäbe es kein Band mehr, oder, viel schlimmer, es würde zerreißen bei dem unbeholfenen Versuch, nachzusehen, ob noch eines da ist. Man würde wieder auseinander gehen, dann zum letzten Mal, traurig darüber, daß sich die letzte alte heilige und magische Verbindung gelöst hat, und verwundert, daß auseinanderlief, was einstmals eng verwoben war.
Aber es ist noch da, das Band, es ist dünn, aber es hält.

entschleunigung.

Es scheint, als hätten die Menschen den Winter, die stillste Jahreszeit, bitter nötig, damit sie endlich zur Ruhe kommen, damit die Schnelligkeit dieser Welt von ihren Schultern fällt wie Schnee von Zweigen.

draußen.

Mittlerweile riecht die Welt vor allem morgens schon ein bißchen nach Winter. Erdig, frisch und klar. Betörend still. Mit dem Herbst ist es nun jeden Morgen wie ein neuer Abschied, er kriecht durch meine Jackenärmel den Körper entlang, durch die Nase bis ans Ende der Lungen, wo er sich einen Moment lang verschanzt, und bemalt die Welt mit den allerschönsten Nebelbildern. Manchmal stehen wir uns noch eine Weile am Fenster gegenüber, er draußen, in der Welt, und ich drinnen, aber auch draußen.

marathon.

Für ihre Ansprüche war ich ein perfektes Kind. Ich konnte früh lesen, wunderschön schreiben, schnell rechnen, nach jedem Sturz wortlos wieder aufstehen und weiterlaufen und oft bei Bedarf konnte ich sogar unsichtbar werden. Fühlen konnte ich jedoch nicht, ebenso wollen nicht oder gar wünschen oder hoffen. Nun ist es mittlerweile so, daß meine kleine-Mädchen-Mauer längst zerbröckelt ist, weil ich gewachsen bin. Zum Beispiel. Vielmehr fühlt es sich jedoch so an, als wäre diese Mauer so explosionsartig von mir geborsten, daß ich erschrocken und noch immer zusammengekauert am selben Fleck hocke, zu mutlos, um einfach loszulaufen, über grüne Wiesen und durch Pfützen, unter Bäumen hindurch, durch den Regen, durch sonnige Herbstabende und verschneite Nächte, vorbei an Menschen und Wäldern, in die Welt hinein.

einsneunneuneins.

Es ist mitten in der Nacht, als sie mich weckt und mir deutet, ihr in die Küche zu folgen. Dort stehe ich nun und mir ist kalt, ich friere. Es ist nicht wohnlich, das war es nie. Weil ich nicht weiß, was mich erwartet, drücke ich meine nackten Füße stärker in den kalten Küchenboden, um den Halt nicht zu verlieren. Sie kriecht unter Tische und Stühle, kichert und macht seltsame Geräusche. “Schau doch mal”, sagt sie, “sind die nicht niedlich?” Ich hocke mich hin und versuche zu erkennen, was sie sieht. Nichts. “Ich kann es nicht sehen”, sage ich. Energisch greift sie nach meinem Arm und zieht mich unter den Tisch. “Hier schau, kleine Kätzchen!” Nichts. Ich bin hilflos, möchte zurück in mein Bett, aufwachen und feststellen, daß der Albtraum vorbei ist. Nichts. Sie quietscht vergnügt und streichelt Kätzchen, die nicht da sind. Er beobachtet das Geschehen, amüsiert und spöttisch, hat Mühe, aufrecht zu stehen. Ich bin zehn Jahre alt und sie ist wieder auf Entzug. – Bislang dachte ich, daß ich eine gesunde Distanz zu all dem gewonnen habe, doch dann gibt es diese Tage und Nächte, an denen ich mich umdrehe, direkt in die Fratzen der beiden blicke und ihre fauligen Atemzüge in meinem Gesicht spüre. Und ich frage mich, wer hier nicht loslassen kann. Und laufe, so schnell ich kann.

Deine Haut an meiner Haut, Dein Atem in meinem Haar und das Rascheln Deiner Decke, an dem alle nächtlichen Monster zerschellen. ♥

Ältere Artikel »

Follow

Get every new post delivered to your Inbox.